Donnerstag, 10. August 2017

Mulesingfrei, Bio, Öko-tex zertifiziert...

In den letzten Tage erhielt ich mehrere Anfragen zu meinen Garnen; genauer gesagt: ob meine Wolle mulesingfrei, Bio, aus regionaler Tierhaltung ist und wie sie verarbeitet wurde.

Da ich bereits seit langer Zeit sehr aufmerksam mit diesem Thema umgehe und mein Material nicht nur nach "weich und bunt" einkaufe, möchte ich hierzu einen separaten, aktuellen Beitrag schreiben und Euch informieren.

Nachhaltigkeit, vegan, mulesingfrei, artgerecht gehalten, geschnitten und nicht gezupft, schwermetallfrei gefärbt, biologisch abbaubar... das alles macht auch vor simplen abendlichen Handarbeiten keinen Halt.

Wer bei mir ein Garn kauft, der will "etwas anderes". Kein Material aus dem Regal, kein Plastik, keine Standartfarben. Vielmehr eine ganz spezielle Farb- und Materialmischung; etwas Besonderes eben.
Das kann eine Mischung mit kühler, glänzender Seide sein, ein bunter Hingucker dank einkardierter Sari-Seide, ein naturfarbenes Garn aus der Wolle etwas weniger bekannter Schafrassen oder ein kuscheliger Traum mit Angora.

Aber "Frau" will auch wissen: wurden die Schafe mulesingfrei gehalten und die Angorakaninchen auch nicht gerupft. Es geht eben nicht nur um seidigen Glanz, leuchtende Farben und weiche Fasern.

Die Frage nach dem "mulesingfrei" betrifft die versponnene Merinowolle. Die von mir verarbeitete stammt zum Großteil aus Deutschland, Südafrika, Argentinien, Südamerika und Polen. Zum einen beziehe ich jetzt von einem Lieferanten die Südamerikanische Merino in einer sehr feinen Qualität, die schön weich ist und sich toll verspinnen lässt. Außerdem ist die angebotene Farbauswahl sehr groß und ergänzt die Farbpalette Argentinischer Merino eines andern Lieferanten fast perfekt. Des Weiteren hat ein dritter Lieferant seine Australische Merinowolle bei den Unifarben auf mulesingfrei umgestellt, so dass nur die von mir (gelegentlich) gekauften Ombria- und Space-Kammzüge und die mehrfarbigen nicht ausdrücklich den Hinweis "mulesingfrei" haben.

Garne aus andere Faserarten, wie etwa Falkland-, Shetland-, Neuseelandlammwolle, Bluefaced, Gotland, Brazilwolle, Polwarth, Bergschafwolle, Swaledale, Corridale, Zwartbless, Finnische und Islandwolle sind ja ohnehin mulesingfrei.

Gelegentlich verwende ich auch Angora. Das stammt von freilaufenden Tieren, deren Namen ich kenne (Sammy, Fee und Stupsi); die Tiere werden geschoren oder gekämmt und nicht gerupft. Deren Fell wächst unaufhörlich und die Schur vermeidet das sonst unweigerliche verfilzen der Wolle und sorgt für Bewegungsfreiheit, die anderenfalls verlorengeht. Angorakaninchen leiden besonders in sommerlicher Hitze unter ihrem langen wärmenden Fell gerade so wie wir, wenn wir im Sommer eine Fellmütze tragen würden.
Es wird helfend spätestens alle 90 Tage geschoren / die Wolle kurz geschnitten und das quält die Tiere nicht mehr als uns ein Friseurbesuch. Madita, von der ich mein Angora bekomme, verpasst ihren Häschen regelmäßig eine fesche Kurzhaarfrisur. Da wird nichts kahlgerupft und grob hantiert; die streichelzahmen Tiere aus Hobbyzucht sind liebevoll versorgte Familienmitglieder.

Schaf- oder Alpakawolle frisch nach der Schur zu verarbeiten kommt für mich jedoch nicht in Frage. Sortieren, waschen, kardieren, mit Naturfarben zu färben- das alles würde nach jeder Menge Platz und Zeit verlangen und damit auch Kosten verursachen, die in keiner Relation mehr zu einem vernünftigen Verkaufspreis stehen oder mir noch ein Minimum an süßem Nichtstun übrig lassen.
Ich weiß, dass viele Handspinnerinnen gerade diese Arbeiten lieben. Sie finden ihre Erfüllung zwischen den regenwassergefüllten Wannen mit eingeweichter Wolle, sehen großzügig über den teilweise unerträglichen Geruch hinweg, der beim Wässern verdreckter Schafwolle entsteht. Kurbeln die gesäuberten Locken durch ihre Kardiermaschine und die fertigen, luftigen Batts trösten über schmerzende Handgelenke und lädierte Haut hinweg.

Ich kenne all diese Arbeitsgänge, aber für mich selbst finde ich meine Erfüllung im Spinnen am Spinnrad.
Das liebe ich, das wird mir auch nie überdrüssig. Denn wenn ich nach einem langen Arbeitstag im Büro nach Hause komme, an den Wochenenden oder im Urlaub- dann kann ich jederzeit in Farben schwelgen, mit ein bisschen weißem Leinen einen weißen Hauch wie kalter Frost auf ein Garn zaubern, mit glitzerndem Nylon ein kleines Funkeln oder mit eigesponnenen Löckchen ganz wunderbare bunte Hingucker. Manchmal werde ich auch überrascht, wenn ich doch z.B. nur Reste kardieren und aufarbeiten wollte und daraus ein ganz besonderes Garn wird: weich und fluffig, gleichmäßig gesponnen und gezwirnt, mit tollen leuchtenden Farben, hin und wieder ein klein wenig Glitzer und bunter Farbsprenkeln. Oder wenn ich eine Handvoll verschiedener Materialien nehme und weiß, dass ich daraus problemlos zehn verschiedene Garne spinnen kann. Unifarben oder mit Farbverlauf, gemischt oder gefärbt, ein- oder mehrfach kardiert, als einfaches 2ply-Garn, Artyarn oder mit speziellen Zwirntechniken.

Gelegentlich färbe ich auch Kammzüge oder fertige Garne und unterscheide dabei folgendes: Bei den Kammzügen verwende ich entweder eine Merino/Tencel-Mischung oder Merino superwash, denn die filzen garantiert nicht an. Fertig versponnene färbe ich aus verschiedensten Fasern ein, am liebsten jedoch Merino (mulesingfrei), Neuseelandlammwolle, Bluefaced und Polwarth oder eine Merino/Seide-Mischung,- einfach, weil das schöne weiche Fasern bzw. Garne sind. In der Hauptsache verwende ich Säurefarben, da die Ergebnisse ohne große Überraschungen ausfallen. Pflanzenfarben verwende ich nur gelegentlich; die Ergebnisse sind oft überraschend und daher nicht zuverlässig, zeit- und energieaufwändig. Zudem sind nicht alle Farben dauerhaft lichtecht. Allerdings färbe ich ohne Verwendung von Metallsalzen oder chemischen Beizen.

Inzwischen beschäftige ich mich nicht mehr mit der Verarbeitung regional erhältlicher Fasern. Die Nachfrage nach solchen Garnen ist kaum nennenswert, der Einkauf rentiert sich wegen der Kosten überhaupt nicht und ich denke hierbei auch ein klein wenig egoistisch: Ich spinne gern. Am liebsten bunt, am liebsten jeden Strang anders, aber keinesfalls als Lohnspinner.
Wer große Mengen einkaufen möchte, der wird sicher bei anderen Handspinnern fündig, doch wer das passende Garn für kleinere Projekte sucht- nun ja: Ich habe bisher bei dawanda, etsy oder anderswo keinen anderen Shop gefunden, der eine so große Auswahl an handgesponnenen Garnen bietet, als meiner. Mehr als 150 Stränge sind derzeit im Angebot und fast alle lassen sich aufgrund ähnlicher Lauflängen ideal kombinieren. Auch farblich geht das wunderbar, da ich zu den mehrfarbigen (beispielsweise handgemischten) Garnen auch fast immer passende unifarbene Garne anbiete.

Kommentare:

  1. Hallo Beatrice, danke für die ausführlichen Zeilen...Wer denkt schon, dass dieses Thema sooo umfangreich ist... War sehr intressant zu lesen. Gruß Brigitte

    AntwortenLöschen
  2. Da schließe ich mich Birgit an!
    Vielen Dank für die ausführliche Information!
    LGs
    Karin

    AntwortenLöschen