Mittwoch, 14. September 2016

"Unsere wahre Aufgabe ist es glücklich zu sein!" sagt der Dalai Lama

Als ich gestern Danielas Wocheninspiration las, dachte ich sofort: Ja, ich erinnere mich nur allzu gut!

Es ist knapp ein Jahr her, dass sich Kolumnistin Ursula Ott in einem Beitrag fürchterlich dumm und arrogant über uns Strick- und Häkelfans ausgelassen hatte. Man konnte beim lesen der Kommentare und Beiträge in unzähligen Blogs die wuselige Aufregung und Verärgerung spüren und fast die Empörung und ein lautes Raunen hören, die durch die Reihen der Kreativen gingen.

Auch ich konnte nicht mehr den Mund halten und brabbelte ungehalten und beleidigt vor mich hin. Was ist denn bitte daran deprimierend, wenn jemand auf einer Buchmesse sein Do-it-yourself-Buch vorstellt? Ich würde gerne mal den Verlag kennenlernen, von dem man hört, dass er die Umsätze aus Büchern rund ums Stricken, Häkeln & Co. nicht braucht.

Die Klatsche kam prompt, denn Frau O. bekam ihr Feedback- allerdings sah das anders aus, als sie es sich wohl erhofft hatte. Nein, Frau war nicht begeistert und tat es offen und ausführlich kund. Hatte doch mal wieder jemand über ein Thema geschrieben, von dem er keine Ahnung hatte, denn ein einzelner Pulli mit 15... - ist das fachliche Kenntnis? Ein Witz.

Aber genug von dem Beitrag von damals.

Daniela hat die Lesung von Martina Behm von Strickmich beim Wollfestival in Hamburg aufgegriffen und damit den folgenden Beitrag: Stricken in schwierigen Zeiten – oder auch: Draußen geht die Welt unter – und ihr sitzt hier und strickt. Tickt ihr noch ganz richtig?

Ich habe den Beitrag gerade gelesen und wollte nur immer nickend rufen: Ja, ja- genau so ist es! Beispielsweise wenn ich lese: "Leute, die sich lieber stundenlang einen Schal stricken als sich für 9 Euro 95 einen im Supermarkt zu kaufen. Hier muss man nichts erklären, hier muss man auch nicht begründen, warum ein Paar Socken, in dem 10 Stunden Arbeit und 35 Euro fürs Garn stecken, eben so viel besser sind als das Paar, das ich mir eben schnell im Internet bestellen kann."
Auch Martina Behm nimmt Anstoß am Beitrag von Frau O. und Bezug darauf. Ich werde erinnert an den Satz: "Während Männer Netzwerke knüpften und Erfolge feierten, würden Frauen bloß Masche an Masche reihen" von Frau O. Hat die eine Ahnung... rutscht mir heraus. Denke dabei an meinen Mann, der auch in einer gehobenen Führungsposition ist und ganz ehrlich: Nie käme es ihm in den Sinn, auch noch die wenige Freizeit für berufliche Kontakte und Netzwerke zu verschwenden. Am Strand Volleyball spielen, Rad fahren, Freunde treffen, Tanzen gehen; er hat nicht mal ein Problem damit, mit mir Wollfeste zu besuchen oder auf Märkten an Ständen mit Wolle und Gestricktem zu verweilen.

"Hier haben wir mal wieder den Fall, dass etwas, das insbesondere Frauen gerne tun, als minderwertig und blöd dargestellt wird. Eben weil Frauen es gerne tun. Denn wenn nur Frauen es tun, dann muss es ja dümmlich sein, nicht wahr?" Ja, ja- rufe ich wieder vor mich hin. Ich bin ja so dumm, weil ich stricke, häkle und spinne und habe meinen Job als kaufm.-techn. Assistentin bestimmt nur Glück und Zufall zu verdanken und war in der Vergangenheit Abteilungsleiterin und Geschäftsführerin, weil ich mich verstellt, meine gestrickten Schals versteckt und mich jahrelang gnadenlos gut verstellt habe...

Nein, Handarbeiten machen keine dummen Leute, sondern Büroangestellte, Ingenieurinnen, Lehrerinnen. Sie geben nicht mehr Geld für ihr Hobby aus als mancher Mann für sein Motorrad, Taucherausrüstung oder Briefmarkensammlung.. Sie verbringen damit nicht mehr zeit, als andere mit Lesen, Wandern oder Sport.

Aber richtig; zurück zum Thema: Draußen geht die Welt unter, und ihr sitzt hier und strickt.
Tickt ihr noch ganz richtig?


Man kann keine Nachrichten mehr sehen, Zeitung lesen oder das Radio aufdrehen, ohne von Katastrophen, Flüchtlingen, Brexit, Donald Trump und Erdbeben zu hören. Und währenddessen sitzen wir zu Hause und stricken, häkeln, färben, spinnen und machen einen auf heile Welt. Ja, und ich brauche diese kleine heile Welt, in der ich der Bestimmer bin. Genau wie Martina es beschreibt. Egal, ob langsam oder innehalten und auch mal stillstehen- meine kleine ruhige, freundliche wollig-weiche-kuschelig-bunte Welt dreht sich so, wie ich es will. Langsam und entschleunigt. Ganz ruhig summt mein Spinnrad, klappern die Nadeln, köchelt der Farbsud oder näht meine Maschine Stich für Stich. Keiner redet mir rein, treibt mich an, ich komme zur Ruhe und bin gut gelaunt.

"Wenn wir Strickerinnen wüssten, dass morgen die Welt untergeht, würden wir heute noch ein paar Babysocken anschlagen."


Ich habe unser Nichte einen Poncho genäht und Mütze und Stulpen dazu gestrickt. Allein das Material hat wohl 2- 3 Mal so viel gekostet, wie ein Set im Laden gekostet hätte. Aber die Sachen von mir sind einmalig; niemand sonst hat sie noch einmal. Es passt perfekt und schenkt so viel Wärme und Freude. Und die hatte ich auch, als ich den Fleecestoff in Händen hielt, die Farben aussuchte, die kuschelige Wolle gesponnen hatte. Dann noch eine passende Bommel für die Mütze aussuchen, ein kleines Knöpfchen aufnähen und alles in buntes Seidenpapier einschlagen. Zuletzt natürlich lilafarben verpacken, weil die Kleine Maud doch lila so sehr liebt.

Und ich liebe diesen Gegenpol zu meinem Job mit Zahlen und Tabellen, Projekten und Telefonaten, Stundenerfassung und Monatsabschluss. Etwas schaffen, herstellen. Mit eigenen Händen. Mich macht das glücklich! Mich macht es glücklich, etwas zu verschenken und zu teilen und so viel Freude zurück zu bekommen. Ein verschenkter Strang Wolle, ein genähter Poncho, eine gestrickte Mütze. 

"Unsere wahre Aufgabe ist es glücklich zu sein!" sagt der Dalai Lama. Na bitte.

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